22.04.2026
Compliance bei EVU
Compliance bei Schweizer Energieversorgungsunternehmen ist kein Randthema. Sie ist Realität – täglich, operativ, haftungsrelevant.
Und doch wird sie häufig pragmatisch, teilweise informell und stark personenabhängig gehandhabt.
In einer Interviewreihe mit 10 Führungskräften aus Schweizer EVU zeigt sich ein klares Bild: Die Branche steht unter massivem Regulierungsdruck – managt diesen aber mit begrenzten Ressourcen, Excel-Listen und einem risikobasierten Pragmatismus.
Die zentrale Frage lautet nicht:
„Sind wir compliant?“
Sondern:
„Wie sicher sind wir uns wirklich?“
Von: Phillip Inderbitzin
Die regulatorische Realität – Überforderung statt Struktur
Die Interviews zeigen ein einheitliches Muster:
Das schiere Volumen an Vorschriften wird als kaum überschaubar wahrgenommen. Stromversorgungsgesetz, Gasversorgung, ElCom-Vorgaben, Datenschutzgesetz, ICT-Minimalstandard, Arbeitssicherheit (SUVA/ESTI), IT-Security – und laufende Änderungen.
Viele Führungskräfte beschreiben eine latente Angst, etwas zu verpassen. Dieses „Fear of Missing Out“ auf regulatorischer Ebene ist branchenweit verbreitet.
Besonders stark genannt wurden Datenschutz und IT-Sicherheit als zeitaufwendig und komplex in der Umsetzung.
Die Arbeitssicherheit hat eine emotionale Dimension: Hier geht es um persönliche Haftung und physische Risiken. Das Thema wird nicht nur als administrativ, sondern als existenziell wahrgenommen.
Der Status quo – Pragmatismus mit „Toleranz für Lücken“
Die Selbsteinschätzung des Compliance-Status lag im Schnitt zwischen 5 und 7 auf einer Skala von 1–10.
Niemand sieht sich bei 10.
Viele sprechen offen von einer „Toleranz für Lücken“. Das Minimum wird eingehalten. Technische Sicherheit wird als gut bewertet. Aber:
Formale Dokumentation?
Systematische Nachverfolgung?
Strukturierte Nachweisführung?
Hier sehen viele Defizite.
Besonders bemerkenswert: Die Dominanz von Excel und SharePoint als zentrale Compliance-Werkzeuge. Der Ansatz ist häufig reaktiv – man reagiert auf ElCom-Anfragen oder Audits – statt proaktiv strukturiert zu steuern.
Das funktioniert – bis es nicht mehr funktioniert.
Verantwortung ist Chefsache – aber ohne System
Compliance liegt formell meist beim CEO oder im Management-Team. Dedizierte Compliance-Officer sind selten.
Das führt zu zwei strukturellen Risiken:
Erstens: Wissensmonopole in Köpfen einzelner Personen.
Zweitens: Fehlende Transparenz gegenüber Verwaltungsrat und Aufsicht.
Interessant ist auch der Follow-up auf VR-Ebene: Compliance ist meist kein fixer Agendapunkt, sondern wird ad hoc behandelt. Der Verwaltungsrat verlässt sich stark auf das Vertrauensprinzip.
Das ist verständlich – aber governance-seitig fragil.
Was Führungskräfte sich wirklich wünschen
Die Interviews zeigen drei klare Bedürfnisse:
Ein zentraler Überblick – ein Dashboard mit Ampelsystem.
Aktives Monitoring im Push-Prinzip („Was muss ich heute konkret tun?“).
Entlastung durch externe Expertise.
Niemand wünscht sich ein weiteres komplexes Tool.
Niemand will eine ISO-Papiermaschine.
Was gewünscht wird, ist Übersicht, Sicherheit und Reduktion von Blindflug.
Warum der Markt bisher keine passende Lösung liefert
Viele EVU haben noch keine spezifischen Tools evaluiert oder eingeführt.
Bestehende Lösungen werden als zu starr, zu aufwendig oder als „Papiertiger“ empfunden.
Zertifizierungen werden teilweise als vertrauensbildend gesehen – insbesondere gegenüber Verwaltungsrat oder Öffentlichkeit. Aber sie lösen nicht das strukturelle Problem der täglichen Steuerung.
Integration wird klar bevorzugt. Isolierte Insellösungen werden abgelehnt. Systeme müssen mit Microsoft 365 und SharePoint kompatibel sein.
Das strukturelle Problem – Nicht fehlender Wille, sondern fehlende Systematik
Die übergreifende Beobachtung aus den Interviews ist deutlich:
Die Branche steht unter hohem Regulierungsdruck.
Compliance wird pragmatisch gemanagt.
Ressourcen für professionelles Compliance-Management fehlen.
Das Problem ist nicht mangelnde Ernsthaftigkeit.
Das Problem ist fehlende Systematisierung.
Und genau hier entsteht strategischer Hebel.
Wie ein wirksames Modell aussehen könnte
Die MVP-Empfehlung aus der Analyse ist bewusst pragmatisch:
Regulatorischer Radar im Push-Modus.
Ampel-Dashboard für GL/VR.
Fokus auf 1–2 priorisierte Schmerzpunkte (zuerst Arbeitssicherheit, dann Datenschutz/IT).
Vorlagenbibliothek zur Vermeidung der „leeren Seite“.
Niederschwelliger Einstieg ohne massiven Dokumenten-Upload.
Ergänzung durch Experten-Support.
Nicht das gesamte Rechtsuniversum.
Sondern Entlastung und Sicherheit.
Fazit
Compliance bei EVU ist kein Theoriethema.
Sie ist operativer Alltag – mit Excel, persönlichen Haftungsrisiken und der ständigen Unsicherheit, ob man wirklich alles im Blick hat.
Die Interviews zeigen:
Das Problem ist real.
Es ist branchenweit universell.
Und es ist lösbar – wenn man Struktur, Transparenz und pragmatische Governance verbindet.
Die Frage ist nicht, ob Compliance wichtig ist.
Die Frage ist, ob sie systematisch geführt wird – oder nur verwaltet.
Über den Autor:
Phillip Inderbitzin
Executive & Programmleiter für Energieversorgungs- und Telekomunternehmen.
Strategien entwickeln & umsetzen
KI-Initiativen entwickeln und begleiten
Innovationssprints
Projekte ins Ziel führen
Ad interim Mandate
Fragen und Antworten:
Wie hoch ist der Compliance-Druck bei Schweizer EVU tatsächlich?
Die Interviews zeigen einen branchenweit hohen Regulierungsdruck, insbesondere durch Datenschutz, IT-Sicherheit und branchenspezifische Gesetze. Der Aufwand wird als belastend und wellenförmig empfunden.
Warum wird Compliance häufig mit Excel gemanagt?
Ressourcenknappheit und fehlende spezialisierte Tools führen dazu, dass Excel und SharePoint dominieren. Der Ansatz ist pragmatisch, aber reaktiv und personenabhängig.
Was erwarten Führungskräfte von einer modernen Compliance-Lösung?
Zentraler Überblick, aktives Monitoring, Reduktion des Rechercheaufwands und konkrete Handlungsempfehlungen – keine zusätzliche Komplexität.